osRetail – Versandhandelssoftware auf OpenSource – Basis. Eine Einschätzung.

OpenSource für Versandhandelssysteme? Was taugt der osRetail-Ansatz?

Keine Frage – viele althergebrachten spezialisierten ERP/CRM-Lösungen für den Versandhandel, egal ob von kommerziellen Anbieter oder Marke Eigenbau, sind in die Jahre gekommen und die technologische oder auch inhaltliche Weiterentwicklung wird immer schwieriger. Gleichzeitig können neue Ansätze und Systeme, die eher aus dem Windschatten des Ecommerce kommen bzw für primäre Onlineversender entwickelt wurden, für Versender, die weiterhin einen Gutteil ihres Geschäfts im Offlinebereich machen, oft nicht überzeugen, da teilweise selbst rudimentäre Selbstverständlichkeiten des klassischen Versandhandels fehlen.

Vor diesem Hintergrund lies ein Posting in der Xing-Gruppe „Versandhandel“ unter dem Titel „Vollständige ERP Lösung für den Handel auf Basis Open Source“  aufhorchen.

Eine vollständige ERP-Lösung? Und dies als OpenSource? In diesem doch vergleichsweise engen und spezialisierten Versandhandelssegment? Wo Systeme wie CAO Faktura doch eher für einfache Anwendungen tauglich sind und Projekte wie OpenERP in Deutschland nicht so richtig zum Zuge kommen?

Grund genug, sich die Software namens osRetail im Zuge einer Präsentation einmal etwas näher anzuschauen. Wie weit ist das System? Worauf beruht es? Was sind die Knackpunkte?

Der Funktionsumfang

Ohne Zweifel – der grundsätzliche Leistungsumfang von osRetail ist auf den ersten Blick sehr umfassend. Von umfassenden Anlagemöglichkeiten bei Artikeln angefangen über zahlreiche Möglichkeiten bei der Anlage und Steuerung von Marketingaktionen, Lagerverwaltung bis hin zur Kundenverwaltung – scheint soweit alles da zu sein, was ein klassischer Offlineversandhändler braucht. Dies ist auch kein Wunder, sind die beiden Macher des Projekts doch seit langen Jahren im Versandhandel tätig, u.a. beim Baur-Versand. Eine erste Übersicht über den Funktionsumfang findet sich HIER

Hervorzuheben sind dabei zum einen eine integrierte Deckungsbeitragsrechnung / – simulation, welche artikel- und zielgruppenspezifisch entsprechende Planungswerte liefert – nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit bei Versandhandelssoftware, wo die Marketingplanung oft durch Insellösungen oder Exceltabellen realisiert wird. Ferner ist ein Kernstück die Unterstützung der Werbemittelproduktion durch Databasepublishing-Funktionalitäten, insbesondere das Zusammenspiel mit Grafik und Fotografen betreffend. Insbesondere dieses Feature kennt man von anderen, etablierten ERP-Systemen nicht unbedingt. Hier zeigt sich auch, dass OsRetail seine Herkunft in der Offline-Denke hat. Ein System welches im Schatten eines Webshop entwickelt worden wäre, wäre an dieser Stelle sicherlich anders aufgebaut – aber grad die Abdeckung klassischer Offline-Anforderungen macht OsRetail ja anschauenswert. Eine Webshop-Anbindung ist im Zusammenspiel mit Ancud in Vorbereitung. Nicht ganz so gefällig ist die doch etwas biedere Optik, die sich aber ohne Zweifel mit minimalem Aufwand ändern lässt. Problematischer dann schon, dass das System nicht völlig ohne Maus zu bedienen ist, auch wenn man in den reinen Eingabemasken ohne diese auskommt. Aber der ein oder andere Offline-Verantwortliche dürfte sich an diesem Punkt stören.

Die technische Basis

Programmiert ist osReail in Java, genutzt wird hierzu Netbeans. Als Datenbank wird mySql empfohlen. Auch andernorts setzt man konsequent auf OpenSource bzw Freeware; zur Reporterstellung dient iReports. Gedacht ist osRetail nicht als Weblösung sondern zwecks Hosting auf dem eigenen Server im Intranet. Insofern: Macht alles einen sehr professionellen und durchdachten Eindruck.

Die Kosten

osRetail setzt konsequent auf OpenSource-Komponenten und bezeichnet sich auch selbst als „Open Source basierend“. Es fallen also (mit einer kleinen Ausnahme für die dbp-Komponente) keine grundlegenden Lizenzgebühren an, was auch und insbesondere für osRetail selber gilt. Systeme die sich bei einer ersten Präsentation mit vergleichbarem Funktionsumfang vorstellen liegen ohne Zweifel im oberen fünfstelligen oder gar sechsstelligen Eurobereich Lizenzkosten. Allerdings ist die Bezeichnung „OpenSource“ derzeit noch ein wenig irreführend, stellt man sich darunter doch gemeinhin freien Download und eine vorhandene gemeinsam entwickelnde und supportgebende Community vor – die es aber bislang nicht gibt. Insofern dürfte man auf Implementierung und Anpassung von osRetail zum Start auf das entwickelnde Systemhaus angewiesen sein, was aber natürlich nicht ausschliesst sich mit seiner eigenen IT-Abteilung Schritt für Schritt von diesem unabhängig zu machen. Womit wir beim nächsten Punkt wären…

…der Haken…

So sehr durchdacht und anschauenswert osRetail auch erscheinen mag – einen wichtigen Haken gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt: osRetail ist derzeit noch nirgendwo produktiv im Einsatz. Demzufolge gibt es keine Referenzen, keine helfende Community, keine Praxiserfahrung – aber eben den durchaus interessanten und einen ordentlichen Eindruck hinterlassenden Ansatz….

…und die Chancen und das Fazit

osRetail vermittelt den Eindruck eines überaus umfassenden Funktionsumfangs, auch wenn dieser sicherlich noch nicht an jeder Stelle völlig eingeschliffen ist. Auch die Herkunft aus der Offline-Denke kann osRetail nicht verbergen, was das System aber grad für klassische Versandhändler interessant macht, für die ein Umstieg auf neuentwickelte vor allem onlineshop-orientierte System als absehbare Zeit nicht infrage kommt. Interessant sind vor allem die fehlenden Lizenzgebühren, die ansonsten für den vorhandenen bzw versprochenen Funktionsumfang woanders mit signifikanten Summen zu buche schlagen würden. Problemstellung ist hingegen, dass das System noch nirgendwo im Einsatz ist.

„Versender entwickeln gemeinsam“ hieß die verkündete Vision eines anderen Software- Hauses, welches eine neue Branchenlösung entwickeln wollte und damit nach Jahren Arbeit und Millionen Investoren- Förder- und Kundengelder ersteinmal einen veritablen „Bauchplatscher“  hingelegt hat. Im Vergleich dazu könnte osRetail – so es gelingt den ein oder anderen Versender zu finden, der sich auf osReail einlässt um peu a peu gemeinsam Ressourcen zu bündeln und unter Nutzung bekannter OpenSource-Elemente das System weiter zu entwickeln- vielleicht tatsächlich an diese Vision anknüpfen. Zumindest scheint das bereits vorhandene System eine ordentliche Basis hierfür zu bieten. Insofern ist osRetail sicherlich ein Projekt, welches sich lohnt näher angeschaut zu werden.